
Dieser Text erschien zuerst im Medium Magazin
Recherche mit Corinna Cerruti
Text von Tamara Keller
Ein Selbstbildnis, in dem ein Workaholic etwas Positives ist. Taube Ohren für konstruktive Kritik. Schlechte Kommunikation und Bezahlung. Wer sich derzeit auf Konferenzen und bei Branchenstammtischen mit jungen Medienschaffenden austauscht, vernimmt überall dieselben Probleme. Es geht dabei vor allem um schlechte Arbeitsbedingungen im Journalismus und die Überlegungen, die Branche bald zu verlassen, wenn sich nicht etwas ändert. Oft wird ein Grund genannt: Das kann doch nicht gesund sein!
Ein beunruhigender Eindruck – vor allem, da die Branche sich zunehmend um junge Talente bemühen muss. Das „medium magazin“ hat deshalb 35 Journalistinnen und Journalisten im Alter zwischen 18 und 35 ausführlich zu ihren Arbeitsbedingungen befragt, um herauszufinden, was die junge Generation am Journalismus als Arbeitsumfeld stört. Ziel war es, ein möglichst breites Spektrum an Personen abzufragen, weshalb Gespräche mit Lokaljournalisten, freien Journalistinnen sowie Medienschaffenden für überregionale Titel und öffentlich-rechtliche Medien geführt wurden. Fünf der Befragten haben im vergangenen halben Jahr die Branche verlassen. Mehr als die Hälfte hat schon mindestens einmal daran gedacht, das ebenfalls zu tun – wegen der schlechten Arbeitsbedingungen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich auf den Aufruf zu dieser Umfrage vorrangig Personen gemeldet haben, die bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben, ist hoch. Trotzdem zeigen die Antworten, dass junge Menschen aus der Branche unabhängig vom Arbeitgeber immer wieder mit den gleichen Problemen zu tun haben. Medienhäuser sollten diesen Befund ernst nehmen, wenn sie auch künftig noch für talentierte junge Menschen attraktiv bleiben möchten.
Der Einstieg als große Hürde
Auf die offene Frage, was man an der eigenen Branche als toxisch empfinde, hat fast jede der 35 Personen mit Erzählungen von enormen Hürden beim Einstieg begonnen. Bei manchen Personen lagen die Erlebnisse schon zwei bis fünf Jahre zurück, der andere Teil befand sich noch in der Ausbildung. „Das Volontariat ist eine absolute Grenzerfahrung, weil die ganze Zeit über Grenzen von einem hinweggegangen wird. Man kann noch so oft nein sagen, beim dritten Mal sagt man halt doch ja“, sagt eine der Befragten. Die Aussagen sind anonymisiert. Grund sind Bedenken vor Konsequenzen beim aktuellen Arbeitgeber oder Angst vor schlechteren Voraussetzungen in der Zukunft.
Die Sorgen, zu wenig zu leisten, sind bei allen 35 Personen in den Einstiegsjahren besonders stark vorhanden: „In der Pandemie konnte ich zwei Jahre lang keine Praktika machen. Da kam auch Panik auf, weil ich damit eine riesige Lücke in meinem Lebenslauf hatte.“ Eine Volontärin beschreibt, wie sie ein Kollege in einer ihrer ersten Radioschichten absichtlich ins offene Messer laufen ließ, indem er nichts erklärte und nicht vor möglichen Stolperfallen warnte. Danach begründete er sein Verhalten damit, dass sie ja da sei, um etwas zu lernen.
„Ich musste mich im Volo permanent wehren. Alles, was dort stattgefunden hat, war ein Kampf“, sagt eine weitere Person. Dabei beschreibt die Mehrheit der Befragten, dass es schon ein harter Weg gewesen sei, überhaupt an eine Ausbildung zu kommen. Unbezahlte oder unterbezahlte Praktika sowie Einstiegsgehälter unter Tarif seien die Regel gewesen. Einer Person sei bei so einem Praktikum gesagt worden, sie solle unbedingt einen Master machen, sonst könne sie nicht Journalistin werden.
„Weil der direkte Einstieg als Redakteur nach dem Masterstudium schwer war, habe ich mich entschie- den, noch ein Volontariat bei einer Zeitung zu machen“, sagt eine andere Person. Von denen, die ein Volontariat absolviert haben, beschreibt der Großteil einen enormen Konkurrenzdruck unter den Volos – ein Gegeneinander statt eines Miteinander. Etwas, das sich gemeinsam mit dem Leistungsdruck auch im späteren Arbeitsalltag fortgesetzt habe.
Das Selbstbildnis: Gehöre ich hier hin?
Das permanente Gefühl, sich selbst behaupten zu müssen, wird von allen Befragten als sehr belastend empfunden: „Obwohl ich bereits bewiesen habe, dass ich das kann, muss ich permanent beweisen, dass ich gewissen Themen gewachsen bin.“ Die Antworten zeigen, durch welche Ideale die Branche geprägt ist: „Bei mir wurde immer der Eindruck erweckt: Wer nicht 24/7 Fleisch und Blut in den Job gibt, ist kein guter Journalist oder keine gute Journalistin“, sagt eine Person.
Dieser als unrealistisch empfundene Anspruch erhöhe den eigenen Leidensdruck in Bezug auf das eigene Selbstbild. Er fördere das Gefühl, nicht gut genug zu sein, und werfe von Anfang an die Frage auf: „Gehöre ich da überhaupt hin, gibt es da überhaupt Platz für mich?“ Die Dinge, die man selbst gut bewältige, würden nicht gesehen, schildert eine weitere Person, „weil das musst du ja – wenn du aber einen kleinen Fehler machst, hält sich jeder daran auf, um dir zu spiegeln: So gut bist du gar nicht!“ Ein Großteil der Befragten würde sich daher wünschen, dass individuelle Stärken und deren Wertschätzung mehr Platz im Arbeitsalltag finden.
Zu diesem Selbstverständnis gehöre es auch, dass ein Journalist oder eine Journalistin taff und selbstbewusst zu sein habe. „Wenn du keine laute extrovertierte Person bist, gehst du oft unter. In den Konferenzen gibt es meiner Meinung nach zu wenig Raum für leisere Menschen.“ Eine Person schildert, wie sie nach einem Vorstellungsgespräch als „zu soft“ betitelt wurde. „Wenn man mal etwas äußert wie ,das will ich jetzt nicht machen‘ oder ,ich fühle mich nicht wohl damit‘, dann wird man immer gleich in so eine Jammerecke gestellt, dabei versuche ich das immer konstruktiv anzusprechen.“
Fehlende Wertschätzung und Kommunikation
Mehrere Personen schildern, sie hätten Angst davor, Missstände in der Redaktion anzusprechen. Zu schnell gelte man dann als verweichlicht. Andere wiederum haben bereits in ihren Redaktionen offen kommuniziert und sind enttäuscht, wie dieser Versuch aufgenommen wurde: „Ich hatte noch nie das Gefühl, dass da jemand dann saß und gemeint hat: ‚Ja, das stimmt!‘ Stattdessen kommt dann immer: ‚Das war früher noch viel schlimmer!‘“ Dabei gehe es auch um Bedenken oder Kritik mit Blick auf die Qualität in der Berichterstattung. Mehrere Personen umschreiben einen rauen Umgangston, der sich als Standard etabliert habe.
„Es wird alles totgeschwiegen und nicht miteinander geredet. Dabei ist Kommunikation doch unser Job. Aus meiner Sicht hängt das auch mit der Art der Führung zusammen.“ Kein Feedback zu bekommen, ist laut Schilderungen von Auszubildenden und freien Medienschaffenden die Regel. Wenn, muss es mehrfach eingefordert werden, was viele als ermüdend und fehlende Wertschätzung wahrnehmen. Je öfter das passiert, desto frustrierender empfinden es die Befragten. Für Freie kommt an dieser Stelle auch oft hinzu, dass sie dem Honorar und fehlenden Spesen hinterherrennen müssen. „Als ich einmal um ein höheres Honorar bat, sagte mein Ansprechpartner, dass es mir ja freistehe, für das Medium zu arbeiten. Es gebe genug andere, die das machen würden. Dass man überhaupt Texte schreiben darf, wird als Privileg verkauft. Obwohl ich unter Mindestlohn arbeite, wenn ich meine Arbeit auf die Zeit runterrechne.“
Vorab hatten wir erste Ergebnisse auch bei der Netzwerk Recherche Jahreskonferenz 2023 vorgestellt. Die Präsentation kannst du hier nachlesen.
Arbeiten trotz Krankheit
Dieser Umgang wirke sich auch auf die eigene Psyche aus. „Über mentale Gesundheit in der Ausbildung und der Branche wird zu wenig gesprochen, zu wenig informiert, zu wenig nachgedacht“, sagt eine Volontärin. Allgemein ist einem Großteil der Aussagen ein starkes Gespür für die eigene mentale Gesundheit zu entnehmen. Entsprechend wird infrage gestellt, wie viel des psychischen Wohlbefindens eigentlich für den Job geopfert werden sollte. „Es wird im Medienbereich immer mehr darüber gesprochen, wie wichtig es ist, transparent zu sein, und dass Depressionen und mentale Gesundheit so wichtig sind. Und trotzdem wird mit Leuten so schlecht umgegangen, die aus dem Berufsfeld selbst betroffen sind“, sagt eine Person, die ihre Arbeitgeber über ihre Depressionen und Panikattacken informiert hat. Einige hätten positiv auf dieses Handeln reagiert, bei anderen Redaktionen sei die Person aber wortlos aus den Verteilern geflogen: „Ich bin dadurch vorsichtiger geworden, was man wem sagt.“
Aber auch die körperliche Gesundheit werde nach Eindruck der Befragten nicht wirklich ernst genommen: „Einmal hatte ich eine Mandelentzündung und alle meinten zu mir: ‚Kurier dich aus!‘ Die saßen aber alle selbst gleichzeitig krank in den Schalten und ich dachte dann: ‚Ah ok, wenn ich dort mal landen will oder dort mal arbeiten will, müsste ich dann nicht vielleicht auch krank arbeiten?‘“, sagt eine Volontärin. In den mehrfach geschilderten Szenarien wird aber immer betont, dass es nicht die offizielle Erwartungshaltung der Chefs sei, krank zu arbeiten. „Das ist eher so, dass man es selbst von sich erwartet, weil es üblich ist“, sagt eine Person. Es habe sich als ungeschriebene Regel eingeschlichen – eben auch als ein Teil des Selbstbildnisses als pausenlos arbeitende Medienschaffende. Eine weitere Person weist auf eine fatale Wechselwirkung hin: „Das macht auch viel mit dem psychologischen Wohlbefinden!“
Erlebte Diskriminierung
Fast alle Personen, die potenziell von einer Diskriminierung betroffen sein könnten, haben laut ihren Erzählungen Rassismus, Queerfeindlichkeit, Klassismus und Sexismus erlebt. 16 der Befragten haben uns konkrete Erlebnisse geschildert. Darunter sind Kommentare über Aussehen, Aussagen wie „Mit Anfang 30 bist du zu alt für unsere Redaktion“, explizite sexuelle Angebote oder Jobabsagen wegen fehlender Deutschkenntnisse. Eine Person beschreibt, wie sie die Aussage „Du hast aber einen starken Akzent!“ danach im Alltag sehr belastete: „Bei Gesprächen mit Deutschen habe ich danach extrem darauf geachtet, wie ich klinge, damit man nicht hört, dass ich nicht ‚biodeutsch‘ bin. Ich habe mich in Gesprächen dann immer wieder verheddert. Es hat lange gedauert, bis ich das abschütteln konnte.“ Auch das Selbstbild des „taffen“ Journalisten betrifft besonders Frauen: „Ich werde als durchsetzungsstark und extrovertiert wahrgenommen. Ich glaube, das bringt oft einen Vorteil. Ruhigeren Kolleginnen wird immer gesagt, sie müssten mehr Zähne zeigen. Dass ich laut bin, fällt mir aber zeitgleich immer wieder auf die Füße. Bei den Typen wird das als lösungsorientiert wahrgenommen.“ Viele der Schilderungen behandeln immer wieder auftauchende Mikroaggressionen, die aber entweder gar nicht angesprochen werden können oder bei Äußerung von Kritik abgetan werde
Die Branche verlassen, weil nicht zugehört wird
Mehr als die Hälfte der Personen, mit denen wir gesprochen haben, hat wegen der genannten Faktoren bereits überlegt, die Branche zu verlassen. Fünf der Befragten haben das bereits getan. Für alle davon war eine mangelhafte Unternehmenskultur der Grund. Es fehlten Diskussion auf Augenhöhe, Anliegen von Mitarbeitenden würden ignoriert. Zudem herrschten Neidkultur und Konkurrenzdruck vor: „Es ist ein Hauen und Stechen und es gibt noch so viele veraltete Strukturen im Journalismus. Jetzt rückt Gen Z nach und ich habe das Gefühl, dass die Bereitschaft für neue Ideen oder neue Ansätze gar nicht da ist. Stattdessen will man sich immer noch den alten Stiefel anziehen“, sagt eine Person, die bereits neben dem Studium Erfahrung im freien Journalismus sammelte und nun nicht weiter in der Branche arbeiten möchte.
Bei mehreren Schilderungen der Befragten taucht eine Art Generationenkonflikt auf, der oft in Zusammenhang mit dem digitalen Wandel bemessen wird: Ältere würden oftmals nichts mehr an ihrer Art zu arbeiten und dem Digitalen verändern wollen. „Mir wurde suggeriert, ich sei ja für diese Veränderung eingestellt worden. So entsteht eine Dynamik ,Alt versus Jung‘.“ Oftmals würde die eigene Digitalkompetenz oder neue Ideen dann aber nicht als Bereicherung gesehen. In einigen wenigen Schilderungen kommt hier hinzu, dass Leistung am Ende doch über Klicks und Abos gemessen werde und nicht über die Qualität des Journalismus. „Das erzeugt viel Druck, weil es langfristig dazu führt, dass man die reißerische Überschrift oder das ‚catchigere‘ Thema wählt.“
Dem Druck nicht gewachsen?
Alle Befragten reflektieren, dass ein gewisser Druck grundsätzlich zur Arbeit im Journalismus dazugehöre, und sehen sich diesem gewachsen. Dass es nicht die eine Lösung für all diese Probleme geben kann, ist ihnen zudem klar. Die genannten Punkte stellten aber aus ihrer Sicht zusätzliche und nicht notwendige Faktoren dar, die den Druck weiter erhöhten und die Arbeitsbedingungen in Redaktionen verschlechterten.
Die Mehrheit wünscht sich deshalb einfach, gehört und ernst genommen zu werden, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. „Ich habe sehr viele junge und ältere Menschen kennengelernt, die für den Job brennen, für ihren Sender, für die Redaktion. Nur so funktioniert das ganze System. Man muss aber aufpassen, dass man sich nicht verbrennt.“ Heißt also: Die Liebe für den Job ist bei einem Großteil der jungen Menschen weiterhin da – nicht aber mehr die Bereitschaft, alle persönlichen Ressourcen dafür zu opfern.