Tamara Keller

Journalistin

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Wie Elon Musk heimlich das Internet umschreibt – rabbit hole

Juni 2026

Elon Musk will mit seiner neuen Online-Enzyklopädie mit Hilfe von KI nichts als „die Wahrheit“ abbilden. Doch ein Test des NDR-Verifikations-Teams lässt Zweifel an der Zuverlässigkeit von Grokipedia aufkommen. Von Katharina Bews, Merlin Menze und Tamara Keller


Dieser Text erschien zuerst auf Tagesschau.de

Wer sich mit Fußball auskennt, könnte sich wundern: Ein Artikel bei Grokipedia, einem neuen Online-Nachschlagewerk, liefert Informationen über die vierthöchste englische Fußball-Liga und berichtet über eine angebliche zwischenzeitliche Änderung des Spielmodus. Es heißt: „Es wurden Entscheidungsspiele zwischen dem Vorletzten der League Two und dem Siebten der National League eingeführt.“ Fakt ist: Solche Play-Offs gibt es nicht.

Die leicht überprüfbare Falschinformation ist nur eine Auffälligkeit bei Grokipedia, die von Elon Musk ins Leben gerufen wurde. Immer wieder finden sich dort auch Verschwörungstheorien oder vermeintliche Fakten, die nicht den offiziellen Statistiken entsprechen.

Dabei verkündete Musk zur Veröffentlichung im Oktober 2025, seine neue Plattform habe das Ziel, „die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ zu transportieren. Das NDR-Team Verifikation & Faktencheck hat die Plattform in den vergangenen Monaten in drei Stufen getestet: Wie viel „Wahrheit“ liefert Grokipedia wirklich?

KI-generierte Alternative zu Wikipedia

Grokipedia ist ähnlich wie Wikipedia aufgebaut. Über einen Suchbalken lassen sich Artikel zu verschiedenen Themen finden, die in mehrere Unterkapitel unterteilt sind. Am Ende des Artikels steht eine Liste der genutzten Quellen. Mittlerweile gibt es rund sechs Millionen Artikel, was etwa einem Zehntel der weltweiten Artikelanzahl von Wikipedia entspricht.

Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Online-Enzyklopädien: Grokipedia wird von einer KI geschrieben und überprüft. Letzteres von Grok, dem Chatbot von Musks Firma xAI (mittlerweile Teil von SpaceX). Gegen die KI-Software hat die EU-Kommission erst Anfang dieses Jahres ein Verfahren wegen der Verbreitung KI-generierter Nacktbilder eingeleitet.

Zuverlässigkeit der Quellen

Zunächst stellt sich die Frage: Woher stammen die Informationen aus den Artikeln? Wie genau die KI die Artikel schreibt, ist nicht bekannt. Für den Test wurde deshalb ein Datensatz mit 500 Grokipedia-Artikeln erstellt und gezählt, wie oft welche Quelle verwendet wurde. Alle Artikel der Stichprobe hatten dabei einen Deutschlandbezug.

Die Analyse ergab, dass in der Regel viele der Quellen zuverlässig sind. Am häufigsten wurde auf den akademischen Verlag Cambridge sowie auf den Sender Deutsche Welle verlinkt. Unter den 50 meistverwendeten Quellen finden sich jedoch auch Verweise auf Social-Media-Plattformen wie Facebook und Foren wie Reddit. Bedeutet: Auch Meinungsbeiträge und Posts sind Grundlage für Artikel auf Grokipedia.

Andere Untersuchungen, wie etwa von Cornell-Tech-Forschenden oder der britischen Zeitung Guardian, fanden zudem Links auf die rechtsextreme Seite Stormfront und das Verschwörungstheorien-Portal Infowars. Trotz Kritik dienen die Seiten weiterhin als Quellen auf Grokipedia, wie der NDR-Test zeigte.

Grok erfindet Inhalte

Im zweiten Schritt überprüfte das NDR-Team die Inhalte von 30 Artikeln aus den drei Bereichen Wissenschaft, Sport und Politik stichprobenartig auf Korrektheit. Ausgewählt wurden Artikel, die im Oktober 2025 besonders oft auf der vergleichbaren Plattform Wikipedia gelesen wurden.

Dabei fand der NDR mehrere Fehler und erfundene Angaben. So wurden etwa falsche Zahlen zu Wahlregistrierungen in den USA genannt und Baseballspiele beschrieben, die nie stattgefunden haben. An anderer Stelle fehlten wichtige Hintergrundinformationen. So wurde etwa die „Theorie der flachen Erde“ wie eine Tatsache dargestellt, ohne zu erwähnen, dass sie wissenschaftlich klar widerlegt ist.

Auch in einer früheren Version einer Passage zum Klimawandel suggerierte der Text, dass es eine „zentrale“ Kontroverse darüber gebe, ob die gegenwärtige globale Erwärmung hauptsächlich menschengemacht sei. Das widerspricht klar dem breiten wissenschaftlichen Konsens.

„Fact-checked by Grok“

Um solche Fehler zu verbessern, gibt es bei Grokipedia eine Korrektur-Funktion. Nutzer können einzelne Textstellen markieren und Änderungsvorschläge schicken. Ob diese übernommen werden, entscheidet allerdings Grok selbst. Über jedem Artikel steht der Hinweis „Fact-checked by Grok“ – „Information von Grok überprüft“.

Das Team Verifikation & Faktencheck meldete die gefundenen Fehler über diese Funktion. Erfundene Inhalte wurden sofort anerkannt und korrigiert. Schwieriger war es aber bei Texten, in denen wichtige Einordnungen fehlten. Dort lehnte Grok die meisten Verbesserungsvorschläge ab. Als Begründung hieß es oft, es brauche „keine politische Sensibilität“ oder die angegebene Quelle sei nicht zuverlässig genug. Selbst seriöse Medien wie die BBC bezeichnete Grok teilweise als „Mainstream“. Das deutet darauf hin, dass Grok bestimmte Quellen unterschiedlich bewertet.

Einfluss von Grokipedia

Mehrere groß angelegte Studien bestätigen, dass Grokipedia voreingenommen ist. Eine Studie zweier Universitäten in Dublin untersuchte fast 18.000 Artikel und verglich diese mit Wikipedia. Demnach ist etwa die Hälfte der Artikel sehr ähnlich zu ihrem Äquivalent auf Wikipedia.

Besonders bei Themen wie Politik, Geschichte, Wirtschaft und Religion jedoch attestieren die Studien den Artikeln teilweise eine rechtsgerichtete politische Tendenz. In einigen Artikeln zeigte sich aber auch eine eher linke Sichtweise. Taha Yasseri, einer der Studienleiter, sieht darin gewisse Muster, die der Meinung von Elon Musk ähneln.

Studie findet erste Einträge in Chatbots

Yasseri vermutet, dass Grokipedia vor allem Chatbots wie ChatGPT oder Gemini bedienen soll. The Verge berichtete über eine Analyse eines SEO-Unternehmens, die Anfang des Jahres bestätigte, dass eine Vielzahl von Grokipedia-Artikeln in den Chatbots landen. Bei rund 13 Millionen Prompts an ChatGPT sei Grokipedia etwa 260.000-mal zitiert worden. Auch bei Gemini, dem Chatbot von Google, und Microsoft Co-Pilot wurde die Seite bereits mehrfach zitiert. Auch wer Grokipedia nicht direkt aufsucht, kommt so indirekt mit den Inhalten in Kontakt.

Auf Anfrage teilte Microsoft mit, ihre Sprachmodelle basierten auf OpenAI, daher sei das US-amerikanische Unternehmen hinter ChatGPT für die Quellenauswahl verantwortlich. OpenAI wiederum erklärt, Sicherheitsfilter einzusetzen, die das Risiko Verringern sollen, dass problematische oder schädliche Inhalte angezeigt werden. Inwieweit Grokipedia als vertrauenswürdig eingestuft werden kann, wurde von beiden Unternehmen nicht beantwortet. Google und xAI reagierten nicht auf eine NDR-Anfrage.

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